Stadttauben brauchen eine neue Heimat

    Besser Tauben in einem von ihnen akzeptierten Schlag betreut wissen als heimatlos auf Straßen, Wegen und auf Häusern in der Würselener Innenstadt: Nicht auszudenken, wenn der seit Jahren bewährte Anflugpunkt für frei lebende Tauben hoch oben im Alten Rathaus an der Kaiserstraße angesichts der anstehenden Sanierung und des Umbaus dieses Kultur- und Begegnungszentrums ersatzlos wegfallen würde.

    Beitrag vom: 25.07.2018

     

     AN-Online 25.07.2018 ks

    Auch Herzogenrath willkommunalen Schlag

     

     

     

     

     

    „Dann würde es innerhalb kurzer Zeit wieder reichlich Ärger und Beschwerden über Tauben geben, die in der Innenstadt ihren Kot hinterlassen und Anlieger wie Geschäftsleute und Kunden beeinträchtigen“, sagt Dr. Renate Knauf (Grüne).

    Die Tauben würden sich nach Verlust des Schlags gemäß ihrem Naturell im nahen Umfeld aufhalten, also im Bereich Kaiserstraße und Morlaixplatz. Und dann würden die Tauben wieder ihre Nester unkontrolliert bauen und die Population außer Kontrolle geraten. Vorbei wäre es mit der bewährten Praxis, die im Schlag im Alten Rathaus brütenden Tauben – sagen wir mal – zu betuppen und die Eier gegen Gipsattrappen auszutauschen.

    Innerhalb von zehn Jahren wurden bereits über 3000 ausgewechselt und so eine Vermehrung der Tauben unterbunden. Im Schnitt sind es 50 bis 70 Tiere, die den Schlag im Alten Rathaus anfliegen. Vorbei wäre es auch mit der Überwachung des Gesundheitszustands der Tiere. Unterm Strich wären Mensch und Taube gleichermaßen die Verlierer.

     

    Lange Wartezeit

    Das wollen Knauf und weitere Ehrenamtler, die sich zehn Jahre um den Schlag in der City kümmern, vermeiden und wenden sich deshalb an die Öffentlichkeit, aber auch die Stadt Würselen. Nachdem die Grünen im Jahre 2004 den Antrag zur Einrichtung eines kommunalen Taubenschlags im Stadtrat gestellt hatten, dauerte es vier Jahre, bis man den aktuellen Standort fand. So lange darf und kann es nicht wieder dauern.

    Deshalb lautet Knaufs klare Bitte: Gesucht wird ein Hausbesitzer im Umfeld, der auf seinem Haus oder im Dachgeschoss eine Fläche für einen neuen Schlag zur Verfügung stellt, der von Ehrenamtlern eingerichtet und betreut wird (siehe Info). Natürlich darf es auch ein öffentliches Gebäude sein. Vor zehn Jahren rückte das Technische Hilfswerk (THW) aus Alsdorf mit zehn Leuten an einem Samstag an und zimmerte innerhalb weniger Stunden in dem neun Quadratmeter großen Raum im Dachgeschoss des Alten Rathauses in Würselen den Taubenschlag – inklusive Nistmöglichkeiten.

    Die Materialkosten beliefen sich auf rund 1000 Euro, die Hälfte wurde von einem ortsansässigen Baumarkt gesponsert. Die Gegenleistung für die Helfer aus Alsdorf bestand aus Getränken und belegten Brötchen, wie sich Knauf erinnert. Seinerzeit habe der THW-Ortsbeauftragte Alfred Sensen den Einsatz geleitet nach der Devise, man dürfe als Ehrenamtler nicht auf die große Katastrophe warten, um Gutes zu tun.

    Verwilderte Tiere

    In jeder größeren Stadt gibt es verwilderte Taubenschwärme. In der Regel sind diese Stadttauben entflogene Haus- oder Rassetauben und ausgebliebene Brieftauben, die ihre Reise zum heimischen Schlag aus Erschöpfung nicht mehr schafften. Hinzu kommen immer mal wieder kleine weiße „Hochzeitstauben“, die von gedankenlosen Zeitgenossen nach der standesamtlichen Hochzeit vor dem Rathaus fliegen gelassen werden, in der Meinung, die kämen schon durch.

    Wieso werden die Brieftauben, die am Ring erkennbar sind, denn nicht einfach eingefangen und ihrem Besitzer zurückgebracht? Abgesehen davon, dass die Tiere sehr scheu sind und bei Annäherung den Schlag schnell verlassen, seien die meisten Züchter laut einschlägiger Erfahrungsberichte nicht daran interessiert, eine Taube zurückzubekommen, die im Wettkampf „versagt“ hat, sagt Knauf.

    Knauf ist als engagierte Naturschützerin gegen Vergrämungen, das Ausstreuen von Gift sowie das Einfangen und Töten der Tauben. Zudem hätten sich diese Methoden als langfristig unwirksam erwiesen und seien zudem teuer. „Dagegen ist eine einfache und zudem sinnvolle Lösung das Konzept der tierschutzgerechten Regulierung der Stadttaubenpopulation“, sagt sie.

    „Die Stadt Würselen schätzt das Projekt, und es liegt ihr daran, dass weiterhin ein kommunaler Taubenschlag existiert.“ So werde für Futter und Reinigungsmittel von der Kommune 30 Euro im Monat bezahlt. In Aachen, so die Grüne, gibt es mittlerweile zehn solcher Taubenschläge. Im Jahre 2008 bekam die dortige Stadttaubengruppe den mit 3000 Euro dotierten Tierschutzpreis der Landesregierung NRW.

    Zehn Ehrenamtliche

    Zu den Ehrenamtlern, die mehrmals pro Woche nach den Tieren schauen, sie mit Futter und Wasser versorgen und den Schlag reinigen, gehört Michaela Imelli aus Herzogenrath. Sie ist seit fünf Jahren dabei. Der harte Kern besteht aus rund zehn Ehrenamtlern, wie sie erzählt – vom Studenten bis zum Rentner. Bei dem kurzen Besuch im Schlag tragen die beiden Frauen keine Schutzkleidung.

    Das ist anders, wenn die Anlage mit Spachteln von Kot und Dreck befreit werden muss. Eine Stadttaube produziert im Schnitt zehn bis zwölf Kilogramm Kot jährlich. Rund 80 Prozent der Verunreinigungen bleiben im Schlag, landen also nicht im Freien. Hinzu kommt noch ein erheblicher Anteil an Nistmaterialien, Federn und Staub. Dabei sei eine gesundheitliche Gefährdung durch Tauben nicht größer als die durch Zier- und Wildvögel, beruft sich Knauf auf Äußerungen des ehemaligen Präsidenten des Bundesgesundheitsamts, Prof. Dr. Dr. Großklaus. Regelmäßig werde im Würselener Schlag vorsichtshalber der Kot stichprobenartig überprüft.

    Imelli wusste anfangs nicht viel über Tauben, wie sie bekennt. Aber es habe ihr von Anfang an Spaß gemacht, bei so einem sinnvollen Projekt mit anpacken zu können. „Das sind liebenswerte Tiere“, betont sie und will dazu beitragen, Vorurteile gegen Tauben abzubauen.


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