Der Singer-Park ist jetzt Wahlkampfthema

    Autor: Jan Mönch, Christian Ebener

    Kaum zum Bürgermeisterkandidaten gekürt, sagt Roger Nießen ein paar Dinge, die nachhaltige Wirkung zeigen dürften: Für den Wahlkampf, für das Singer-Gelände, für die Entwicklung der Würselener Innenstadt.

    Beitrag vom: 09.12.2019

     

    So sieht's aus, das Singer-Gelände. Wann sich das ändert, ist seit dem Wochenende wieder etwas unsicherer.

    Wer für eine Partei als Bürgermeister kandidiert, für den ändert sich vieles. Für Kommunalbeamte gilt das, selbst wenn sie bereits im Rathaus sitzen, in besonderer Weise. Normalerweise halten sie sich mit ihrer persönlichen Meinung, jedenfalls in der Öffentlichkeit, vornehm zurück. Meinungen sind Angelegenheit der Politik, durch die ja wiederum das Volk spricht, zumindest ist es so gedacht. Will der Beamte aber Bürgermeister werden, ist mit einem Male genau das gefragt: Meinung, Haltung, Standpunkt. Und wo, bitte sehr, wenn nicht in der Öffentlichkeit?

    Als der Kommunalbeamte Roger Nießen sich am Freitagabend im Alten Rathaus den Grünen vorstellte, sagte er seine Meinung zu einer ganzen Reihe von Themen, und viel davon würde jeder Kandidat so oder ähnlich sagen. Nießen äußerte sich aber auch zum Singer-Gelände und zum dort geplanten Singer-Park. Und er sagte: „Da geht es nicht um irgendwelche städtebaulichen Gedanken, sondern darum, Investoreninteressen gerecht zu werden.“

    Wie die meisten Aussagesätze, kann auch dieser richtig oder falsch sein. Ganz unabhängig davon und anders als die meisten Aussagesätze, dürfte dieser allerdings ein gut hörbares und lang anhaltendes Echo erzeugen. Denn wenn der Bürgermeisterkandidat Nießen spricht, spricht ja nach wie vor auch der Kommunalbeamte und Beigeordnete Nießen. Und deshalb bedeutet der Satz, dass die schlimmsten Befürchtungen manches Würseleners auch in der Chefetage des Rathauses geteilt werden, im Verwaltungsvorstand, einem ebenso exklusiven wie einflussreichen Kreis aus gerade mal vier Leuten. Dass der Fachbereich Stadtplanung gar nicht in Nießens Zuständigkeit fällt, ist dabei zu vernachlässigen.

    Am Samstag dann, bei der Mitgliederversammlung der CDU, wiederholte Nießen seine Einschätzung. „Hier wird an zentraler Stelle etwas geplant, womit wir in zehn, 20 Jahren große Probleme bekommen. Hier wird ein Gelände mit Wohneinheiten zugepflastert, um einem Investmentfonds die Taschen vollzumachen“, sagte er.

    Die Pläne der Investoren sehen vor, die Singer-Brache mit 14 Baukörpern zu schließen, die mehr als 300 Wohnungen umfassen. Die Zahl der Menschen, die dort quasi von heute auf morgen einzögen, läge also locker im hohen dreistelligen Bereich, und es ist nicht so, dass Roger Nießen der erste Entscheidungsträger ist, dem das auf den Magen schlägt. Davon unbenommen allerdings haben vier der fünf Würselener Ratsfraktionen im Juni der Einleitung der Bauleitplanung zugestimmt. Nur die Grünen stimmten mit Nein, doch wirklich glücklich wirkte kaum ein Ratsmitglied.

    Eine halbe Woche vor der Kandidatenkür, am Dienstag, hatte ebenfalls im Alten Rathaus eine Bürgerversammlung stattgefunden. Die Investoren standen der Öffentlichkeit hier Rede und Antwort zu ihrem Projekt. Es wurde deutlich, mit welch großen Vorbehalten insbesondere die direkte Nachbarschaft den Plänen für die Industriebrache entgegensieht. Es ging um die üblichen Begleiterscheinungen von Großbaustellen wie Lärm und Dreck, aber auch um Würselens Verkehrsinfrastruktur, die zu den Stoßzeiten ohnehin als überlastet gilt: Die zentrale Verkehrsachse B57 ebenso wie die Kaiserstraße und ihre Seitenarme, die wiederum das Singer-Gelände umfassen.

    Der Wahlkampf wird nun zeigen, wie hoch die Halbwertszeit der Ratsentscheidung von Juni gewesen ist. Denn so wegweisend diese gewesen sein mag: Definitiv war sie nicht. Es kann nach wie vor alles über den Haufen geworfen werden. CDU und erst recht Grüne dürften nun auf Nachverhandlungen drängen, jedenfalls sofern sie etwas auf die Einschätzung ihres Kandidaten geben. Was wiederum die anderen zwänge, Farbe zu bekennen. Die UWG hatte sich im Juni ausdrücklich vorbehalten, die weiteren Entscheidungen nicht mitzutragen. Und die SPD hatte angekündigt, nun mit den Bürgern diskutieren zu wollen (womit ungefähr dasselbe gemeint gewesen sein dürfte).

    Für Außenstehende kaum absehbar ist alldieweil, wie die Investoren auf die neue Entwicklung reagieren werden. Sie bemühen sich seit langem um das Singer-Gelände, haben Pläne entworfen, angepasst, verworfen und neu entworfen, nicht zuletzt sind sie wieder und wieder nach Würselen gereist, um Rede und Antwort zu stehen, hinter verschlossenen Türen, aber auch öffentlich. Das zeigt einerseits, wie lukrativ das angestrebte Investment sein muss. Andererseits gilt, dass Geduld auch bei Geschäftsleuten eine endliche Ressource ist.


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